
Kurz gesagt: Der Jäger prüft als kundige Person die gut zugänglichen Lymphknoten am Wildkörper und in den Organen, etwa am Hals, in den Leisten und im Gekröse, um Krankheiten frühzeitig zu erkennen. Ein unauffälliger Lymphknoten ist weich, gleichmäßig groß und hell gefärbt, ein auffälliger ist vergrößert, verhärtet, blutig verfärbt oder von Abszessen durchsetzt. Bei jedem auffälligen Befund muss das Stück vor der Freigabe einem amtlichen Tierarzt vorgestellt werden.
Warum der Jäger die Lymphknoten prüft
Lymphknoten sind kleine, knotenförmige Organe, die überall im Körper und an bestimmten Körperregionen liegen. Sie bilden bestimmte weiße Blutzellen, die Krankheitserreger wie Bakterien, Pilze, Viren oder Parasiten abwehren. Fremdstoffe werden mit der Lymphe, einer klaren, wässrigen Flüssigkeit außerhalb von Zellen und Blutgefäßen, zum Lymphknoten transportiert. Gelingt die Abwehr, bleibt der Lymphknoten unauffällig. Scheitert sie, verändert sich der Lymphknoten krankhaft, er schwillt an, verhärtet oder verfärbt sich.
Genau diese Veränderung macht den Lymphknoten für den Jäger so wichtig. Weil Lymphknoten häufig Krankheitsprozesse anzeigen, bevor sie am übrigen Wildkörper sichtbar werden, gehören sie zu den ersten Stellen, die eine kundige Person beim Aufbrechen und Zerwirken kontrolliert. Wer weiß, wie ein gesunder Lymphknoten aussieht, erkennt eine Abweichung auf den ersten Blick.
Welche Lymphknoten je nach Wildart wichtig sind
Beim Reh und anderem Schalenwild
Beim Reh sind vor allem drei Lymphknoten gut zugänglich und werden routinemäßig kontrolliert. Der Blutlymphknoten liegt am Hals im Bereich der großen Halsgefäße. Der innere Leistenlymphknoten liegt in der Bauchhöhle im Bereich der Leiste. Der Gesäugelymphknoten liegt bei weiblichen Stücken im Bereich des Gesäuges. Beim Aufbrechen kommen zusätzlich die Lymphknoten der inneren Organe in den Blick, insbesondere die Darmlymphknoten im Gekröse des Dünndarms, die Lungenlymphknoten im Bereich der Bronchienabzweigung und die Leberlymphknoten in der Leberpforte. Bei Rot- und Damwild gilt dieselbe Systematik, nur in entsprechend größeren Dimensionen.
Beim Wildschwein
Beim Schwarzwild richtet sich der Blick zusätzlich auf den Unterkieferlymphknoten am Kopf, weil dort Infektionen im Kopfbereich und sogenannte Geflügeltuberkulose-Erreger sichtbar werden können. Ebenso wichtig sind die Lymphknoten im Kehlbereich und im Bereich von Darm und Gekröse. Beim Wildschwein hat eine auffällige Lymphknotenfärbung eine besondere Bedeutung, weil blutig verfärbte, dunkel marmorierte Lymphknoten dringend an eine Schweinepest denken lassen und eine sofortige Meldung an das Veterinäramt erfordern.
Wie ein gesunder Lymphknoten aussieht
Um eine Abweichung zu erkennen, muss man zunächst wissen, wie der Normalzustand aussieht. Vier Merkmale sind dabei entscheidend.
Lage und Form
Lymphknoten sitzen an allen Organen und in bestimmten Körperregionen, ihre Bezeichnung richtet sich nach der Zugehörigkeit zu ihrem Funktionsbereich, etwa als Lungen-, Leber-, Darm- oder Leistenlymphknoten. Ihre Form reicht von kugelig über eiförmig bis fingerförmig oder strangartig lang gestreckt, die Oberfläche kann glatt oder grobknotig sein.
Farbe
Gesunde Lymphknoten sind meist weißlich, teilweise mit einer gelblichen Grundfarbe, die von den in ihnen vorherrschenden weißen Blutkörperchen herrührt. Eine bräunliche Marmorierung oder eine bandartige Braun- bis Graufärbung kann auftreten, wenn der Lymphknoten bereits in eine Abwehrfunktion eingebunden ist oder war, ohne dass dies zwingend bedenklich sein muss. Blutrot gefärbte Lymphknoten weisen dagegen auf Blutungen im Einzugsgebiet hin und sind kritisch zu bewerten.
Größe und Festigkeit
Die Größe unterscheidet sich stark je nach Lage, mit einer gewissen Bandbreite auch beim gesunden Tier, abhängig vom Einzugsgebiet des jeweiligen Lymphknotens. Gesunde Lymphknoten sind meist weich elastisch. Wird ein Lymphknoten deutlich fester, härter oder knotig, ist das bereits ein erstes Warnzeichen, selbst wenn Größe und Farbe noch unauffällig erscheinen.
Woran ein auffälliger Lymphknoten zu erkennen ist
Vergrößerung und Marmorierung
Eine deutliche, oft strangförmige Vergrößerung der Darmlymphknoten ist ein typisches Bild bei Paratuberkulose, einer chronischen, bakteriell bedingten Darmentzündung, die vor allem bei wiederkäuendem Schalenwild vorkommt. Der normalerweise nur bleistiftstarke Darmlymphknoten kann dabei auf Fingerstärke anschwellen, die Schnittfläche zeigt eine grobknotige Umbildung. Eine ähnliche, kugelige Vergrößerung mehrerer Lymphknoten im Bereich der Lunge, auf der Schnittfläche weiß und käsig-bröckelig, spricht für eine bakterielle Infektion mit Erregern der Pseudotuberkulose.
Abszesse und Geschwülste
Vergrößerte, oberflächlich höckrige Lymphknoten mit erbsengroßen Eiterherden im Anschnitt sind ein Hinweis auf eine bakterielle Infektion, die für den Jäger auch als Zoonose relevant sein kann. Stark vergrößerte, grobknotig geformte Lymphknoten mit weißlich-gelblichen Knoten, die zusätzlich die Leber oder andere Organe durchsetzen, deuten auf ein tumoröses Geschehen wie eine Leukose hin.
Blutig verfärbte Lymphknoten
Deutlich vergrößerte, dunkelrote bis ebenholzfarbene Lymphknoten, meist in mehreren Körperregionen gleichzeitig und vor allem im Magen-Darm-Trakt, sind beim Schwarzwild ein Alarmsignal. Sie begründen den dringenden Verdacht auf eine Schweinepest. In diesem Fall ist das Aufbrechen sofort zu beenden, das Stück darf nicht weiter bearbeitet oder transportiert werden, und der Verdacht ist unverzüglich dem zuständigen Veterinäramt zu melden.
Was bei einem auffälligen Lymphknoten zu tun ist
Sobald ein Lymphknoten eines der beschriebenen bedenklichen Merkmale zeigt, endet die Zuständigkeit der kundigen Person an dieser Stelle. Das Stück ist der nach Landesrecht zuständigen Behörde zur amtlichen Fleischuntersuchung durch einen amtlichen Tierarzt vorzustellen. Bis zur Freigabe darf das Wildbret weder abgegeben noch verzehrt werden. Bei begründetem Verdacht auf eine anzeigepflichtige Tierseuche, etwa bei Schweinepest oder Tuberkuloseverdacht, besteht zusätzlich eine unverzügliche Meldepflicht gegenüber dem Veterinäramt, unabhängig vom weiteren Verbleib des Wildbrets.
In der Praxis bedeutet das für den Jäger: Ruhe bewahren, den Befund genau beschreiben oder fotografieren, das betroffene Stück kühl und getrennt von unauffälligem Wildbret lagern und den Kontakt zur zuständigen Stelle nicht verzögern. Ein unauffälliger Befund an einem Lymphknoten schließt Auffälligkeiten an anderer Stelle nicht aus, deshalb gehört die Lymphknotenkontrolle immer in den Gesamtzusammenhang der Wildkörperuntersuchung.
Rechtliche Grundlage
Die Pflicht zur Untersuchung von Wild auf bedenkliche Merkmale ergibt sich aus mehreren, ineinandergreifenden Rechtsquellen. Auf EU-Ebene verlangt die Verordnung (EG) Nr. 853/2004 in Anhang III Abschnitt IV, dass eine kundige Person das erlegte Wild möglichst rasch nach der Erlegung auf Merkmale untersucht, die auf ein gesundheitlich bedenkliches Fleisch hindeuten könnten. In Deutschland konkretisiert die Tierische Lebensmittel-Hygieneverordnung, kurz Tier-LMHV, in § 4 die Pflichten bei der Abgabe kleiner Mengen erlegten Wildes und verweist in Anlage 4 Nummer 1.3 auf die bedenklichen Merkmale, zu denen unter anderem Organveränderungen, Geschwülste, Abszesse und deutliche Lymphknotenveränderungen zählen.
Wie die zuständige Behörde und das genaue Meldeverfahren im Einzelfall ausgestaltet sind, kann von Landkreis zu Landkreis und je nach Bundesland unterschiedlich geregelt sein. Verlässliche Auskunft dazu gibt das zuständige Veterinäramt oder Landratsamt am Ort der Erlegung, ebenso die Merkblätter, die viele bayerische Landratsämter und der Bayerische Jagdverband für die Wildvermarktung durch Jäger bereitstellen.
Die Prüfung in der Ausbildung zur kundigen Person
Wer die Jägerprüfung besteht, gilt nach § 4 Tier-LMHV automatisch als kundige Person und darf Wildbret eigenständig beurteilen und in kleinen Mengen abgeben. In Bayern ist die Wildbrethygiene bereits seit 1975 fester Bestandteil der Jägerprüfung. Die Kenntnis der wichtigsten Lymphknoten, ihrer normalen Lage, Form und Farbe sowie der typischen bedenklichen Merkmale gehört damit zum Kernstoff der Ausbildung. Bei Hunters World ist dieses Thema fester Bestandteil der Wildbrethygiene-Schulung im Rahmen der Jagdausbildung, ergänzt um praktische Übungen am Wildkörper, damit der spätere Umgang im eigenen Revier sicher gelingt.
Wer die Jägerprüfung bereits vor 1987 abgelegt hat, muss für die Abgabe kleiner Mengen Wild eine entsprechende Schulung nachweisen. Auch für diesen Personenkreis bietet sich eine Auffrischung der Kenntnisse zu Lymphknoten und bedenklichen Merkmalen an, insbesondere wenn sich die eigene Vermarktungspraxis ändert oder neue Tierseuchen wie die Afrikanische Schweinepest im eigenen Revier relevant werden.
Häufig gestellte Fragen
Welche Lymphknoten prüft der Jäger beim Reh?
Vor allem den Blutlymphknoten am Hals, den inneren Leistenlymphknoten und den Gesäugelymphknoten, dazu beim Aufbrechen die Lungen-, Leber- und Darmlymphknoten.
Wo liegen die wichtigsten Lymphknoten beim Wildschwein?
Am Kopf der Unterkieferlymphknoten, dazu Lymphknoten im Kehlbereich sowie im Bereich von Darm und Gekröse, weil dort Krankheitszeichen zuerst sichtbar werden.
Woran erkenne ich einen auffälligen Lymphknoten?
An deutlicher Vergrößerung, verhärteter oder knotiger Konsistenz, dunkelroter bis blutig marmorierter Farbe oder sichtbaren Abszessen auf der Schnittfläche.
Was bedeutet ein vergrößerter Lymphknoten beim Wild?
Er zeigt an, dass der Lymphknoten aktiv gegen Erreger gearbeitet hat oder selbst erkrankt ist, etwa bei Paratuberkulose, Pseudotuberkulose oder einem Tumorgeschehen.
Was muss ich tun, wenn ich einen auffälligen Lymphknoten finde?
Das Stück ist vor der Freigabe einem amtlichen Tierarzt vorzustellen, bei Verdacht auf eine anzeigepflichtige Seuche zusätzlich unverzüglich dem Veterinäramt zu melden.
Wird das Thema Lymphknoten in der Jägerprüfung geprüft?
Ja, die Wildbrethygiene mit der Beurteilung von Lymphknoten ist in Bayern seit 1975 Prüfungsstoff, weil bestandene Jäger als kundige Person gelten.
Weiterlesen und Ausbildung
Die ursprüngliche Übersicht zu diesem Thema stand bislang nur als PDF zum Download bereit: Lymphknoten.pdf herunterladen. Passend dazu findest du weitere Ratgeber zu bedenklichen Merkmalen beim Wild, zur Beurteilung von Milz und Innereien und zur Trichinenprobenentnahme.
Wildbrethygiene sicher beherrschen? Bei Hunters World ist die Beurteilung von Lymphknoten und bedenklichen Merkmalen fester Bestandteil der Jagdausbildung und eigener Schulungen für die kundige Person. Jagdschule und Kurse ansehen → · Mehr zur Trichinenprobenentnahme →